Die Schreiberei…

Ich sitze in der Küche, im Hintergrund läuft Kendrick Lamar, aufmerksam geworden durch den Film Black Panther, dessen Songs mir eine Lounge Atmosphäre verschaffen, dass ich wunderbar dabei arbeiten kann. Die Tage fließen dahin wie die Zeilen, die ich morgens lese und am Nachmittag derzeit schreibe.

Gut wäre der Haushalt und das Putzen zwischendurch nicht wäre ich weitaus produktiver. Besonders pfleglich sehe ich durchaus im Putzen auch das Gute. „Es ist die Pflege und Werterhaltung eines Objektes“, teilte mir einst (es ist Jahre her) einer der besten Housekeeping Manager Deutschlands mit. Wenn ich darüber nachdenke wie oft ich umgezogen und Wohnungen gereinigt habe, bin ich bereits doppelt so oft umgezogen wie meine Eltern, dass ich erstaunlicherweise bereits manche Postleitzahlen wieder vergessen habe.  Zugegeben auch oft zurück in das eigene Elternhaus. Doch darüber wollte ich gar nicht berichten. Zurück zur Produktivität meiner Arbeit. Wieder im Buchprojekt vertieft möchte ich erwähnen, dass es eine eigene Aufarbeitung ist. Es fühlt sich gut an, doch fallen mir meine vielen Fehler auf, die Unkenntnis, vielleicht sogar fehlender Fortschritt im schreibenden Handwerk? Vielleicht meine ich es auch nur. Feststeht, dass der Mensch zu neunzig Prozent aus Wasser besteht und demzufolge das Leben in gleichmäßigen Wellen verläuft.  Nicht anders unser Herzrhythmus. Es geht rauf und runter. Wir müssen uns nur trainieren, um Höhe zu gewinnen. Während also die Worte aus Mündern zu Papier fließen, bin ich davon überzeugt, dass es sich mit den guten Zeilen und Absätzen in etwa so ähnlich verhält, wie mit einer guten Welle beim Surfen, oder das Finden einer Muschel mit einer besonderen Maserung, die Paare an ihren ersten gemeinsamen Urlaub erinnern oder Kinderherzen höher schlagen lassen, wenn sie aufgeregt zu ihren Eltern laufen und voller Stolz ihren Fund in ihren Eimern präsentieren. Manchmal vorgetäuschtes Interesse seitens der Erwachsenen, die sich lieber verständlich den noch wenigen inhaltlichen Gesprächen entziehen und einen kurzen Blick in den Eimer werfen, den Kopf streicheln und weiter entspannen wollen bleiben gerade die ungeachteten Momente, die los gelösten unabhängigen Momente, besonders im Kopf der Erwachsenen hängen. Und so ist es bei mir mit der Schreiberei. Wenn wir nicht darauf achten, losgelöst vom Tagesrhythmus unserer Arbeit nachgehen prasseln die guten Ideen wellenweise auf uns nieder, wie der Schaum am Strand. Doch viele sind meistens zu faul den Schaum bei Seite zu wischen, um die wahren Perlen des Lebens zu finden, wenn Sie denn überhaupt bis dorthin gelangen. Und ja auch ich vergesse genau das zu tun. Ich bin das ungeachtete Kind auf der Suche nach der wahren Währung des Lebens.

 

Am Marktplatz

Neben mir steht mein Früchtetee in einer weißen Porzellantasse. Wobei Tasse nicht ganz richtig ist. Es ist ein Schälchen. Sein Dunst zieht Kreise im spielenden Licht. Ich lausche den Gesprächen Jüngerer, die über ihre Zukunft fabulieren. Während die eine das Grundschulamt anstrebt, zieht es ihr Gegenüber nach Israel. Ihren Worten nach möchte Sie den Krieg mit eigenen Augen sehen. Es scheint mir obsolet soweit zu reisen. Eine Fahrt zum Flüchtlingslager reicht aus und man erhält Informationen von Gesicht zu Gesicht, wie es ist im Nichts. Ein Mensch braucht die Sprache eines anderen nicht zu sprechen. Ein Blick in die Augen reichen aus, um einander zu verstehen. Gerne hätte ich geschrieben ein Spaziergang reiche aus, doch habe ich das Gefühl, dass Integration in Deutschland nur mit Abstand funktioniert.  Treu dem Motto „Integration ja, aber nicht zu nah.“

Mein Blick schweift auf das Teeschälchen. Er schmeckt natürlich. Nicht zu süß und nicht zu bitter. Eben einfach nur ein Früchtetee der meine Seele wärmt. Links von mir eine Gruppe vermutlich japanischer Touristen. Genau sagen kann ich es nicht. Getraut zu fragen habe ich mich mal wieder nicht. Als Kind ist man an der Stelle anders. Man fragt einfach ob er oder sie mit einem spielt. Warum tue ich es nicht mehr? Gesellschaftliche Konventionen? Unbegründete Ängste vor der höflichen Zurückweisung? Über soziale Netzwerke verbinden wir uns quer um die Welt und haben fünfhundert Freunde bis Alaska, doch haben wir sie auch in der Realität? Oftmals eben nicht. Es sind meist nur wenige Freunde und meist die, die wir bereits aus Schul- oder Studienzeiten kennen. Zugegeben ich hingegen bin da etwas einsam veranlagt. Doch die Abwechslung mit Gästen im Hotel lässt mich jede Nation kennen lernen und zu tun habe ich angesichts meines schreibenden Drangs genug. Ich habe Angst, dass mit Hilfe der sozialen Netzwerke der Mensch in eine Art  digitalen Solipsismus verfällt, statt sich wirklich miteinander zu verbinden. Vielleicht sehe ich das auch völlig falsch, weil ich mich zu wenig mit ihnen beschäftige. Doch treibt es mich zugleich nicht an, alles um mich herum zu fotografieren und eine Insta Story zu starten, es treibt mich wenig dazu an, ein par Worte zu twittern, es zudem meines gelegentlichen inneren Mitteilungsbedürfnisses ohnehin nicht ausreichen würde und stets auf der Suche nach Inhalten bin bevor ich etwas verbreite. Und facebook bereits so bekannt, dass es so mainstream geworden ist, dass man darüber zu scherzen beginnt. Leute was ist los mit mir? Bin ich ein Verweigerer der Digital Native Generation? Mein Verstand beruhigt mich wieder und meint, dass es mehr Sinn mache, wenn man eine neue allgemein gültige Aussage trifft, mit der sich Menschen identifizieren können. Oder man pflegt Freundschaften in weit entfernten Städten und anderen Ländern.

Das Kaffee in dem ich gerade sitze, liegt genau gegenüber dem Düsseldorfer Rathaus. Urbane Gemütlichkeit gemischt mit einem Hauch eines Gefühls, dass an späte Sommernachmittage im Urlaub erinnert. Selbst einsame Seelen finden hier ihren Platz. Der dunkle Holzfußboden knackt im Rhythmus der Schritte. Eine Brise frischer Wind durch die bereits geöffneten Fenster vernebelt den intensiven Duft des Kaffees. Im Hintergrund Rap Musik, Lounge Atmosphäre trotz harter Holzhocker und Stühle, die selbst an Klassenräume vor meiner Zeit erinnern. Fotos von Orten, wo einst der getrunkene Kaffee meiner Sitznachbarn angebaut und geerntet wurde. Eine afrikanische Maske im haselnussbraunen Farbton ziert die Wand. Ich schaue raus auf den Rathausplatz in dessen Mitte von einem dunkelgrauen Zaun, dessen Zacken gold verzinkt ein Denkmal schützt. Die Sonne verschwindet, die rot verziert verschnörkelten Laternen leuchten allmählich auf. Sorgen verlieren ihre Bedeutung und Gedanken verschwinden.

Ich nehme meinen letzten Schluck, bevor mich der abendliche Nebeldunst des Rheins verschluckt.