Revolverkopf

Da steht sie nun. Schwarz gekleidet mit gesenktem Kopf am Grabe ihres Mannes. Die Familie im Hintergrund trauert. Einst der erfolgreiche Vater, fleißige Sohnemann, der große Papa der kleinen Prinzessin der Zeit seines Lebens Größe und Stärke bewies.

Und so ist es wenn,

ein Junge namens Walter ein Überflieger ist. Er lernt mit Leichtigkeit. Walter erreicht durch fotografisch vorhandenes Gedächtnis einen Notenschnitt, der für andere unerreichbar bleiben wird. Er studiert und verdient Geld auf schnelle Weise. So gründet er eine Familie mit seiner Frau Simone. Walter wird Vater von Michael, Lukas und zuletzt der kleinen Julia. Feste aber dennoch angenehmer Händedruck lassen auf ein starkes vorhandenes Selbstbewusstsein schließen. So fest wie der Druck beim Anlehnen an einer Wand. Sein Blick ist meist ernst, besonnen, bedacht wie ein Philosoph, lieber entschieden als nicht wissend. Straffe Haltung, nicht zu schneller Schritt und stilsicher im Auftritt. Ein stattlicher dennoch schlanker Mann.

Und so ist es wenn,

Walter erfolgreich ist. Das bezahlte Bungalow hat er verkauft. Mit der Familie auf einen Abhang in eine der Vorstadtvillen gezogen, wird sie für andere unerreichbar bleiben. Es gibt einen Balkon der das Haus umringt, wie der Ehering der seinen Finger umringt, ein Wohnzimmer großes Schlafzimmer, zwei große Bäder, mehrere Gästetoiletten, so wie ein Schwimmbad umgebaut als Kinderzimmer für Julia. So das sich klein Julia fühlen kann wie die Prinzessin eines Sandburgenschloss, wie einst in den abendlichen Geschichten von väterlicher Stimme erzählt.

Und so ist wenn,

der Mann endgültig befördert wurde, der Geschäftsessen nicht auslassen kann, über Ultrabook, Macbook, I book, Outlook, facebook, gmail, email, smartphone und Haustelefon ständig erreichbar bleiben muss. Der Chef mal eben mit ihm golfen und wichtiges im zweier Bund besprechen muss, der Segelschein im Team als Verantwotungsbewusstseinsbeweis erreicht werden muss. Mut, Durchsetzungskraft und Stärke zur Entschlossenheit durch einen Jagdschein ausgewiesen werden muss.

DU machst all das mit, weil du groß angestrebtes erreichen willst, jedoch innerlich verkennst du, dass du längst unglücklich bist. Die Welt zieht an dir vorüber wie gelbliches Laub, dass bei der Autofahrt entlang der langen Allee die Windschutzscheibe streift, weil dir außer Stressterminen nichts mehr bleibt, weil du selbst inzwischen wie eine mensch gewordene Fließbandmaschine funktionierst. Du bist wie der blutige Muskel deines Körpers, der nicht zur Ruhe kommt. Schlag für Schlag gehst du stets Tag für Tag immer an die äußerste Front deiner eigentlich längst überschrittenen Belastungsgrenze.

Und so ist es wenn,

durch steigenden Leistungsdruck Walter das Picknick mit der Familie am See des sonntags sommerlichen Nachmittages nicht genießen kann. Stattdessen die Videokonferenz unbedingt entgegen nehmen muss obwohl er längst ersetzbar ist und die Konferenz ohnehin entfallen muss. Der Mensch wird nicht mehr als Mensch erkannt, vielmehr laut Wirtschaftslehre als Ressource benannt. Man spricht von Crowding Effekt, wenn man Walter mit Geld nicht mehr locken kann, weil er längst gelernt hat, dass das Geld wie die Fäden einer Marionette ihn durch Ruhm und Elend führen. So fragt sich Walter, ob statt Geld nicht der Tauschhandel wieder besser wäre, weil sich dadurch heutzutage zwar ungerecht nur eine Sache nehmen und geben lässt.

Und so ist es wenn,

wenn ein stattlicher Mann nicht mehr kann. Während Kinder und Ehefrau am See tollen, sich erholen, er dagegen sich das Gesicht wäscht langsam aber entschlossenen Schrittes sich in die Garage verzieht, verzweifelt betroffen, ohne jegliche Träne und eisigem Gefühl mit dem Rücken an der unschuldsweißen Wand zu Boden gleitet und sich den Lauf des Revolvers zwischen schweißperlen bedeckten zittrigen Lippen Richtung Gaumen schiebt. Bei verschlossenen Augäpfeln im letzten Atemzug der Abzug Scharen schwarzer Raben aus Baumkronen fliegen lässt während sein letzter Wille wie der Teufel die schneeweiße Wand rötlich ziert.

Und so ist es wenn,

Julia nach großem Abenteuer ihren Roller in der Garage abstellen will nicht begreift stattdessen den Papa wecken will der bereits tief und fest in ewigen Sternstunden schläft. Die größeren Brüder Michel und Lukas inmitten der rötlichen Momentaufnahme die kleine blonde Schwester Julia erspähen; mit tränen gefüllten Augen die Kleine aus Schutz beiseite ziehen. Kurz vor der Haustür bricht Lukas mit der Kleinen auf dem Arm zusammen, sich Julia löst und nach Papa ruft.

Und so ist es wenn,

die Routine bereits den Menschen bestimmt, die Mutter aus der Küche beschäftigt rufend erwidert, dass Papa im Büro sei. Plötzlich die weinenden Stimmen der Söhne erhört. Sie stockt und einen Moment lang ahnt beim bewussten Schluck ihr Unbehagen. Als sie schneller laufend ihre tränen überfüllten Söhne ihm Rahmen der Türe findet, ganz aufgebracht die Kleine der Mama entgegenläuft und sie Mama bittet Papa zu wecken. Plötzlich läuft sie intuitiv entschlossenen Schrittes ihrem größten Verlust des Lebens entgegen.

Und so ist es wenn,

die Mutter zusammengeknickt den Revolver in der kalten leblosen Hand erblickt. Erschrocken verzweifelt am Boden zerstört weinerlich ruft: > Was hast du nur getan?<

Und so ist es wenn,

die Etappen des Lebens vergehen, man als Alleinverdiener die Vorstadtvilla nicht mehr stemmen kann. Der Familienhund schweren Herzens aus Geldnot weggegeben werden muss. Die Kinder wachsen ohne Vater heran. Die Frau ihren Mann abendlich vermisst. Jeden Abend geht Sie zum Kleiderschrank um eines der zuletzt getragenen Hemden herauszunehmen. Sie versenkt ihr Gesicht darin um durch tiefen Atemzug innerlich bei ihm zu sein. Sie zieht es sich über und schläft Mutterseelen allein ein.

Drum liebe Damen und Herren gibt gut Acht, wenn sich die Geldgier entfacht, ihr den Abhang der Karriere klettert, beim Rückfall und Aufprall nicht die Familie wie einen Kartenhaus eines Kartenspiels zusammenkracht.

 

 

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