Die Meise 21

Die Publikation des Artikels sollte der Aufmacher in der City Times am ersten jeden Monats werden. Richard ließ seine Hand durch seine gekräuselte Locke fahren, die entstand wenn er seine Haare um den Finger wickelte. Seine Augenränder glichen den Backen eines Froschs. Die Nächte durchgearbeitet mit Cariba gestritten, völlig ausgelaugt platzte sein Chef durch die Tür, knallte mit der Hand auf das Fenster, das den Artikel zeigte. Gedankenversunken in früheren Jahren verloren versuchte sein Chef den Artikel zu zerknüllen, wie es in seiner Studienzeit noch möglich war. Es munterte Richard etwas auf, wie er plötzlich verwundernd da stand mit nichts in den Händen und dabei versuchte so zu tun bei seinem peinlichen Missgeschick nicht erwischt worden zu sein. Als er sich zu Richard wendete drückte Richard unauffällig die Escape Taste. Der Artikel und der Milchglaseffekt verschwand. Das Fenster klarte auf. Vollkommen unerwartet stand der Inhaber der City Times vor dem Fenster. Genau der Redakteur, der die Zeitung aus eigenen Händen erschaffen hatte und seit Jahren zur meistgelesenen Zeitung der Stadt entwickelte bekam endlich mit wie seine unteren Chefredakteure mit den Mitarbeitern umgingen. Sein Name war Dennis Strauss. Groß gewachsener Mann, stets im schwarzen Anzug gekleidet, breite Schultern, markantes Gesicht erinnerte er an Agent K. aus Men in Black. Er hatte mit Richard das Bewerbungsgespräch geführt. Seine Musterartikel hätten bei ihm gepunktet. Nur jetzt wurde einer seiner Leute durch einen Chefredakteur erneut derart vor dem Team im Büro fertig gemacht, dass Agent K. alias Dennis Strauss ihn kurzerhand in sein Büro zitierte. Richard ließ es sich nicht nehmen die Finger seiner Faust zu strecken und einmalig seinem cholerischen Chef zu zu winken.  Er lächelte vergnügt als sein „Agent K.“ ihm ein ausgedrucktes Zeitungsmuster süffisant lächelnd auf den Tisch legte. Da der Printbereich inzwischen eine Seltenheit wurde und die Welt darin bedacht war die bereits vorhandenen Smartphones, Tablets und digitalen Infotablets an den Haltestellen zu nutzen um sich über das Weltgeschehen zu informieren galten ausgedruckte Artikel als eine Art Urkunde und Wertschätzung für eine besondere Leistung. Eine ganze Zeitung dagegen eine Beförderung? Richard wusste es selbst nicht ganz. Jedenfalls überflog er seine eigenen Titel: „Burn City Burn“ – Der Artikel über die zunehmende Kriminalität der Stadt hatte das höchste Aufrufergebnis erzielt, für die es anscheinend nicht die richtige Berichterstattung gab, als zu versuchen mit Humor die Tragik zu nehmen. Die neue Berichterstattung war eher ein schmaler Grad zum einen Leser nicht in panische Aufruhr zu versetzen und die Polizei nicht ins schlechte Licht rücken zu lassen, zu glauben, dass sie zu nichts fähig sei und zum anderen die Dinge realistisch auf den Punkt zu bringen wie schlimm es denn tatsächlich ist. Wie oft gab es bereits bei Meldungen über Schießereien bereits Falschmeldungen, nur um Aufmerksamkeit zu erzeugen. In Zeiten in denen Nachrichten die Welt schneller umkreisten als eine Sternschnuppe aufblitzen würde fühlte sich Richard leicht gehemmt manchmal zu schreiben, wenn er an die schnellen Reaktionen und Kommentare dachte, die manchmal alles andere als eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Thematik an sich beinhalteten geschweige denn darüber längere Zeit darüber nachgedacht wurde. Das alleine sein Titel „Burn City Burn“ auf die erste Seite kam wäre früher höchstens ein Randartikel in der lokalen Zeitung Wert gewesen. Und dann dieser Artikel: „Tod am Leuchtturm“, den er für seinen Chefredakteur schrieb, der nun auf dem Stuhl genau eine Etage über ihm gegrillt wurde. Richard war zufrieden, sah sich bestätigt, fühlte eine innere Aufbruchstimmung. Motiviert zum Kaffeeautomaten marschiert freute er sich über eine Sache die sich in den Jahren nie verändert hatte. Kaffeeautomaten, die waren und blieben von der Funktion her gleich. Zugegeben das Design änderte sich eher ins futuristische, aber den Knopf Pott Cafe Creme fand er wie im Schlaf als am Fenster der Gemeinschaftsküche eine Meise Platz nahm, den Kaffee fast verschüttete und los pruste vor lachen, daran zurückdachte wie eben sein Abteilungsleiter zu ihm meinte: „Sie haben echt eine Meise!“.

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