Workshop 4 – viel Arbeit

1.)

George Orwells Behauptung, dass das Passiv des Unhaltbaren unterstützt kann als Instrument in einer politischen Rede verwendet werden bedarf jedoch der genauen Überlegung ob rein fiktional oder sachlich etwas auf den Punkt gebracht werden soll. Wenn ich mir die Reden verschiedener Politiker anhöre ist durchaus zu erkennen, dass Passivkonstruktionen dafür verwendet werden um jemand anderes in seiner Argumentation oder seiner Darstellung zu schwächen. Gregor Gysi verwendet genau dieses Schema in der Rede gegenüber Merkel zu den Themen TTIP in Europa, USA und der steigenden Armut. Er spricht offensichtliches direkt aus wie; die Ängste der Menschen nehmen zu oder dass es Zeit werde Macht auszuüben gegenüber rechtem Gedankengut. Wenn es um das Leid in der Welt geht verwendet Gysi eine Aktiv-sowie Passivkonstruktion um das Leid deutlicher hervorzuheben. „Staaten wurden zerstört oder haben sich zerstört.“ Er warnt aktiv deutlich vor einem Krieg in Europa und fordert dazu auf Spielereien sein zu lassen. Aktiv geht er auf die Gründung des islamischen Staates ein, der aus der Al Kaida entstand, die wiederum von den USA gegründet wurde, in Afghanistan im Kampf gegen die Sowjetunion. Angela Merkel habe sich über den Bericht der CIA über die Folter in den Gefängnissen nicht geäußert. Das Duckmäusertum ginge schon wieder los. Die NSA spiele uns aus. Die Menschen auf der Straßen seien verunsichert in Hinblick auf die Sorgen und Nöte der Beschäftigungsverhältnisse. Die finanziellen Sorgen und die abstrakten Ängste müssten aktiv angegangen werden. Angela Merkel wird passiv angegangen während die Vorteile der EU im Aktiv geäußert werden (EU sei verflochten) Er spricht sich aktiv für den Frieden und für die soziale Gerechtigkeit aus. Gregor Gysi spricht durchweg im Aktiv, um am Ende durch geschickte Passivwendungen Frau Merkel in ihrer Politik zu schwächen. Dabei hebt er die die europäische Union und deren Stärke hervor, während ihr Verhalten als „Duckmäuschen“ dargstellt wird.

Viel geschickter geht Helmut Schmidt mit der Aktiv-Passivkonstruktion in seiner Rede an die Nation um, als ihn der Mordanschlag auf Hans-Martin Schleyer tief getroffen habe. (Wir erinnern uns, dass Hans-Martin Schleyer nicht nur ein deutscher Manager und Wirtschaftsfunktionär war unter anderem auch den Offiziersrang eines SS-Untersturmführers innehatte) Dennoch schafft es Helmut Schmidt die Toten in einer Handlung im Satz aktiv werden zu lassen in dem er sagt: „Vier Menschen verlängern die Reihe der Opfer.“ Damit betont er die kaltblütige Tat des Terrors. Durch weitere Aktiv Sätze spricht er sich deutlich für den Staat und den Zusammenhalt aus. Bei einer weiteren Rede, dem Bambi 2011 macht er uns auf unsere Stabilität innerhalb des Landes aufmerksam. Gegenwärtig sei die europäische wie die Finanzkrise eine Krise die ihrer Zeit bedarf. Die hohe Stabilität unseres Landes sei nicht möglich gewesen ohne die Einbettung ins europäische Bündnis. Die friedliche Nachbarschaft, als Land mit den meisten Nachbarn sei unsere höchste Pflicht. („Thats what i want to do with my storytelleralexander!“)

Dagegen ist die Rede von SPD Männchen Schulz zum Auftakt in den Wahlkampf von Nordrhein-Westfalen eher zusammenhangslos, zwar stark im Aktiv geschrieben worden jedoch mit wenig Inhalt. Er stellt uns die Frage wovon wir träumen und das die SPD das Ziel verfolge den Anspruch eines jeden gerecht zu werden. Das Motto von Hannelore Kraft sei: „Kein Kind zurücklassen.“ Jedoch betone ich noch einmal das Abitur nach zwölf Jahren. Das ist ein zurücklassen ganzer Generationen! Er spricht davon dass sie Ministerpräsidentin des Landes werde und er der neue Kanzler. Als ich ihn reden höre, klemme ich mir wie ein Teenager die Hand unter die Achsel und lache. Die Deutschen spielen in der EU eine wichtige Rolle heißt es. Die Deutschen spielen keine wichtige Rolle, der Frieden zwischen allen Kulturen unseres Kontinents spielt die übergeordnete Rolle. Er spricht über die Balance zwischen Kapital und Arbeit jedoch wird kein konkreter Punkt genannt. Ein kurzer Sprung in die Geschichte, dann eine allgemein gehaltene Kritik an die AFD sowie ein kurzes Zitat von Ernest Hemingway: „No Man is an Island“, dass dafür zu schade war, um es von Schulz in den Mund genommen zu werden. Schnell noch einmal die 154 Jahre Gerechtigkeit der SPD betonen und oberflächlich sowie kurz die Missstände der Ober und Unterschicht, die zusammengeführt werden müsse, damit alle dieselben Bildungschancen hätten, ankreiden.

Passiv lässt sich besonders dann verwenden wenn fiktionale Gegebenheiten betont werden sollen.

Handlungsmuster oder Szenen bzw. Situationen die rein in der Fantasie passieren können.

Reale Vorkommnisse und Handlungen wie wir sie aus der Geschichte oder der Rede heraus in unserem Alltag integrieren könnten bedürfen dagegen der aktiven Rede.

2.)

Dennoch lieber George Orwell ist die Passivkonstruktion unverzichtbarer Bestandteil meines Werkzeugkastens des kreativen Schreibens, um Handlungen in einer anderen Metaebene darzustellen, parallel verlaufen zu lassen oder tiefgehender zu begründen. So verwendet beispielsweise Jonathan Franzen im Buch die Korrekturen auf Seite 29 folgende Konstruktion: „Alfred schlurfte vorneweg, mit den ruckartigen Bewegungen eines Mannes, der, einmal in Schwung gekommen, wusste, dass es nicht gut wäre, wenn er anhalten und von neuem los gehen müsste.“ Ich hoffe ich liege bei dem Beispiel richtig, andernfalls korrigieren Sie mich bitte! Oder möchten wir über einen Charakter mehr Informationen an den Leser  bringen schreibt er auf Seite 337: „Im August hatte Midland Pacific Alfred zum zweiten Chefingenieur der Abteilung Gleis und Bau gemacht, und nun war er in den Osten geschickt worden, um jeden Kilometer der Erie Belt Railroad zu überprüfen.“

Im Zeitungsartikel „Einmal ordentlich auf die Schnauze fallen, bitte“  der Zeitung „Die Zeit“, verwendet die Autorin das Passiv um objektiv über einen Zustand zu berichten. Vielleicht um Abstand davon zu gewinnen, um sich selbst nicht unmittelbar mit den Beobachtungen konfrontiert fühlen zu müssen oder sie erkennt sich vielleicht selbst als „Helikopterelternteil“.

Zusammenfassend bin ich für die Passivkonstruktion, wenn etwas fiktional deutlicher hervorgehoben werden muss, eine Situation parallel verläuft, eine weitere Metaebene geschaffen werden muss um Gefühle deutlicher zum Ausdruck zu bringen oder um Abstand zu einer Thematik zu gewinnen.

 

3.)

Überarbeitung des Textes: „Der Moment des Stillstands“:

Ist die Stunde des Jokers. So steht er da in seinem schwarzen Mantel, den Handschuhen aus Leder, der Blick in Richtung der Sonne gefroren. So sieht er gerne in die Menge der vorbeiströmenden Menschenmenge unter sich. Niemand bemerkt ihn. Er beobachtet wie sie aneinander nicht achtend über die Ampeln und Kreuzungen ziehen. Die Smartphones in der einen Hand, die Flaschen in der anderen oder ganz einfach mit nichts in den Händen. Die Sonne untergehend wartet er auf den Moment der einfallenden Dunkelheit. So lässt er seine Augen durch das Meer der Lichter schweifen.

(Seine Augen schweifen durch das Meer der Lichter.)

Autos nehmen zunehmend neue Charakterzüge an. Sie mutieren zu Wesen, deren Augen die Strecke hell erleuchtet vorhersehen, den Fahrer lenken lassen, aber vor Unfällen nicht mehr warnen können.

(Die Autos wirken wir Ameisen, deren Augen die Strecke hell erleuchten. Sie lenken die Fahrer, doch vor Unfällen schützen sie die Menschen noch immer nicht.)

Nur ein Tastendruck davor entfernt, könnte der Joker den Schalter umlegen, um die Straße unter seine Kontrolle bringen zu wollen.

(Nur ein Tastendruck und die Straße ist unter seiner Kontrolle.)

Jedoch fühlte er sich noch nicht danach. Ein Gedanke hielt ihn davon ab, ließ ihn vom flachen Häuserdach verschwinden um sich zurück zu ziehen, vorzubereiten, darüber zu grübeln was möglich wäre, wenn er noch warten würde bis die Zeit reif sei. Nur wann sie reif sein würde, darauf warteten ebenso jene die ihn verzweifelt suchten.

(Ein Gedanke hält ihn davon ab. Er verschwindet vom flachen Häuserdach. Er zieht sich zurück um sich vorzubereiten. Er möchte noch warten bis die Zeit reif genug ist. Darauf warteten auch jene, die ihn ebenso verzweifelt suchten.)

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