Die klügste Lüge

Die Vorstellungsrunde im besagten Clownskostüm im Backoffice, dass sich später als Abteilungs übergreifender Klatsch und Tratsch Treff herausstellen sollte, beendet stand ich einsatzbereit voller Erwartungen an der Rezeption und ließ meinen Blick durch die Lobby entlang der Vitrine, gefüllt mit überteuertem Schmuck, dass sich gänzlich vom geschäftsreisenden Klientel deutlich abhob, über die durchaus elegante beige Sitzgruppe, dessen abgeranzter mit rot schwarz übersäten Stickmustern schweifen. Meine neuen Arbeitskollegen wirken hektisch, lachen viel, sind völlig durch den Wind, fluchen viel über die Arbeit, fluchen dass ich nur rum stehe sich im selben Moment wieder entschuldigen, da es schließlich mein erster Tag sei. Ich solle mir überhaupt keine Gedanken machen, dass sei am Anfang alles etwas viel wird mir schon fast wie das Amen in der Kirch eingetrichtert. Es sind drei Stunden um und ich stehe noch immer wartend herum auf den großen Moment der Einarbeitung. Und dann kam sie. Eine typische Rezeptionistin. Leicht rosa betonte Bäckchen, wasserstoff blondierte Haare, die teils an den Seiten wie deutlich zu erkennen mit einem Glätteisen zu Locken geformt herunterhängen. Ihr Dutt obenauf verlieh ihr eine Ähnlichkeit mit Schlumpfine. Mein Ersteindruck sollte sich während der Ausbildung bestätigen. Sie hat ein hohe Stimme, die einer Ziege, so hoch, dass sie vom Tal aus an der obersten Spitze des Himalaya zu hören wäre. „Stefaaan, hast du schon mal Parktickets gedruckt?“. Ich antwortete mit einem „Homer“-vollen „Nein“. Ihren unnötig komplizierten Erklärungen zu Folge würde ich es bereuen. Hinter mir ein Parkticketdruckgerät, entstanden zu Zeiten als ich die Welt erblickt haben muss, nein eher meine Oma – ach was schreibe ich denn, meine Ur-Ur-Oma. Die Dinos aus Jurassik Park. Egal. Dieses Parkticketdruckdingsbums hatte diverse hervorstehende helle Knöpfe die einer Computertastatur ähnelten. Auch die Struktur eines Numpads war zu erkennen, nur sah es eher wie ein veralteter Taschenrechner aus. Die Tasten so groß, dass selbst Mitarbeiter mit Wurstfingersyndrom, die richtigen Tasten erwischen würden. Na ja – der Vorgesetzte: „Ticket ziehen“ hingegen trieb den kleinen schwarz weißen Monitor nicht selten bis zur völligen Verzweifelung, als dieser vor lauter eingehenden Befehlen, beschloss flackernd zu resignieren. Meistens schloss sich dabei ebenso die Parkschranke, öffnete, schloss und öffnete sich wieder. So war es keine seltene Koindenz, dass unser „Ticket ziehen“ Meister, dessen südländisch dunkler Teint ins rote überlief einem unschuldigen kleinen Computergesicht sachte aber dennoch bestimmt einen Schlag verpasste. Daraufhin wurde meist zum Hörer gegriffen und die Technikabteilung dazu gerufen.

„Hallo Rezeption hier. Hallo.“, (einer der Kollegen spielt gerne Scherze und zog den Stecker des Hörers.)

„Hallo ist da wer? Verdammt wieso ist das Telefon tot.“ Aufgebracht werden Mitarbeiter von der Zentrale weggedrängt.

„Hallo. Ah das geht. Ey Technik könnt ihr ma anne` Schranke gucken. Die geht nicht. Die spinnt!“

„Ja, Jetzt aber nicht.“

„Wieso könnt ihr das nicht machen? Ich brauch die jetzt für Tickets.“

„Wir können nicht jeden Tag für dich die Schranke checken!“

„Und ich hab` keine Zeit zu warten. Ich hab` Gäste. Mach hin.“

Ich hab` Gäste – die wohl klügste Lüge, die ich in der Ausbildung bei gebracht bekommen habe, um unangenehmen Gesprächen einer vergesslichen Chef Abteilung aus dem Wege zu gehen. Wie oft hatten sich Probleme wieder von selbst mit diesem einen Satz gelöst. Selbst von denen man selbst wusste, dass da etwas nicht stimmen konnte. Dennoch obacht unter welcher Nummer man angerufen wird. Aus Gewohnheit sind nicht selten Gäste über die Telefonleitung auch in die tiefen Katakomben der Buchhaltungsbüros gelandet.

„Frau Besen? Haben Sie einen Moment.“, fragt die Direktion.

Ein kurzes zucken. Frau Besen mag nicht mit ihrem Chef reden und so fällt ihr so klug wie sie ist, der Spruch der Empfangsleitung ein.

„Ich hab Gäste!“ –

„Nein“, hätte ich in einem Homer Simpson Ton kommentieren wollen jedoch verfalle ich innerlich in ein Lachen und schweige.

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