Im Schatten der roten Flamme

Die Monde der Spät- und Nachtschichten ziehen am Firmament dahin – es ist ein abarbeiten geworden. Die Tätigkeit erinnert manchmal an reine  Fließbandarbeit. Die Kunden werden Segmenten und Packages zugeordnet, sowie in Kategorien ein und ausgecheckt. Je höher die Kategorie und der Umsatz desto höher die Aufmerksamkeit gegenüber dem Gast. Dabei sollten wir doch anders herum denken und handeln oder nicht? Es hat nachgelassen. Also das Interesse und Kennenlernen fremder Kulturen und deren Vorlieben zu kennen sowie deren kulturellen Regeln bei Begegnungen zu lehren. Oft fehlt die Zeit für ihre Geschichten und Erfahrungen in denen man sich bei einem Plausch verlieren könnte. An manchen Tagen bleiben zwei Minuten pro Gast, um sie lächelnd, ganz egal wie dir zu Mute ist, zu begrüßen, ihnen den Weg ins Zimmer zu erklären, die Öffnungszeiten zu nennen, nach Möglichkeit ein Upgrade zu verkaufen, die WLAN Verbindung im Smartphone einzurichten, plötzlich zu merken, dass der Gast vor dir nur englisch versteht und du wieder von vorn beginnen musst oder die verfallene Buchung wieder aufzufinden und neu einzurichten während die Schlange dahinter drängelt. Sollte letzt genanntes passieren, ließ ich mir meist besonders viel Zeit und ließ aus zwei Minuten eine gute Viertel Stunde werden. Die Rezeption eines Hotels, sagt man sei das Herzstück eines Hotels, wenn es dem nur gerecht werden würde. Es pumpt oft zu schnell, überschlägt und verformt sich. Die Fluktuation ist drastisch angestiegen. Viele Hotelkonzerne fragen sich woran das liegen könnte. Dabei könnte die Rezeption der internationalen Hotellerie als brauchbares Fundament zur Entdeckung der Welt bedeuten. Es liegt auf der Hand. Die fehlenden Sitzplätze, die Wochenendarbeit, der Nachtrhythmus, der nicht wöchentlich sondern inzwischen täglich in manchen Betrieben wechselt. Die geringfügigen Möglichkeiten eines selbstbestimmten Lebens. Allein das Stehen gegenüber Gästen gehört längst der Vergangenheit an und sollte schnellst möglich überdacht werden. Die Beine werden schwer und müde. Man wird unkonzentriert und hat nach Jahren mit schweren gesundheitlichen Folgen zu rechnen. Psychisch wie körperlich. Der Ton wird zunehmend rauer. Das Trinkgeld der ohnehin frustrierten Mitarbeiter weniger und der Druck erhöht sich. Mal abgesehen von der zunehmenden Nasen-Politik in Sachen Personalentscheidungen. Nun zum lustigen Teil meiner Geschichte: In einer meiner ersten Nachtschichten verdiene ich einhundertfünfzig Euro Trinkgeld mit einem einzigen Anruf. Ein kleiner Mann mit grau getragenem T-Shirt, dass wie seine Träger selbst die besten Jahre hinter sich hat, schaut mich mit runzelnder Stirn eindringlich, leicht torkelnd und doch an der Rezeption festhaltend an: „Hm.. Ähm..“ – er zieht noch einmal den Inhalt seiner Nase hoch – „do you have it?“. Ich antworte in einem stark akzentuierten British English, dass ich mir aus der nachmittäglichen Teezeit der schottischen Gäste abgeschaut habe: „Excuse me plase, how we can help you please? Please how is your room number please?“ „It is two hundred twenty! I need a cab.“ Trotz Englischleistungskurs und durchinterpretierter dreihundertfünfzig seitiger Wirtschaftsliteratur im Abitur dachte ich sofort an eine Cappy, woraufhin es sich zu einem typischen „Ich verstehe nur Bahnhof“ Dialog entwickelt. Ich schaue mit Rätselstirnfalten zurück und antworte auf meine gegebene Antwort beharrend: „You can buy a cab in the city but not at the reception.“ Er: „I need a cab.“ Sein russischer Akzent braute sich zunehmend als Damoklesschwert über meinem Kopf zusammen. Wiederholend „I need a cab.“, schaut er mich tiefgründiger als vorher an, fast als wolle er über seine dunklen Augen aus der Kluft der tiefen Augenhöhlen aus sich herausklettern, um über meine in mir Besitz zu ergreifen, alsbald mein Nachtdienstkollege dazwischen geht während ich pfeifend davon weiche als wäre nichts gewesen und ihm über die Schulter des gelernten Gastgeberhandwerks schaue. Ein kurzer Handschlag, gepaart mit einem „Hi how are you doing!“, lässt den mittvierziger Russen auflockern. Sie kennen sich seit genau gestern, als mein Kollege ihn nachts eingecheckt habe, anscheinend ausreichend genug, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, um ihn um einen Gefallen zu bitten, dass sich wie bereits erwähnt monetär für uns auszahlen würde. „I need a cab! You know where i want to go?“, fragt er sicherheitshalber nach, als er seine Hüften in gleichmäßigen rhythmischen Bewegungen vor und zurück stößt während sich seine Unterarme in die entgegengesetzte Richtung bewegen. „Yes i know. One moment please!“, entgegnet mein Kollege, läuft mit mir durch die dunkel haselnussbraune Backoffice Tür mit der Aufschrfit „BMZ“ als er mich im Gehen fragt: „Hast du wirklich an die Cap von Cappy gedacht? Cab ist ein Taxi.“ Ich verdrehe die Augen, entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten, den Gast wieder besänftigen zu müssen, als er mich beruhigt mir keine Gedanken machen zu müssen. Inzwischen das Taxi gerufen erscheint eine weitere männliche Begleitung mit einer eisgekühlten Gorbatschow Wodka Flasche, deren am Hals herunter rinnenden funkelnden Eisperlen in meinem einen Brand auslösen, dass ich nach unserem Dialog selbst gerne einen großen Schluck genommen hätte. „Mehmet bist du noch wach? Pass auf ich habe noch Gäste die in die Herbertstr. wollen. Kommse vorbei ?“ Eine Bügeleisenbestellung später sollte ich unseren Stammfahrer Mehmet kennen lernen. Ein dunkler Teint, markante Wangenknochen, große Stirn und eine Pilotenbrille die seine Nase ziert lässt den siebziger Jahre Charme des Hotels für einen Moment aufleben. Mehmet erinnerte mich immer an einen Charakter, der einem amerikanischen Hollywood Film entsprungen ist. Als Hollywood noch cool war, quasi vor den Zeiten von Harvey Weinstein, dass durchaus schon viele Star Wars Galaxien her sein muss; ob das mit den siebzigern noch passt? Egal, jedenfalls sollte klar sein, dass es sich um einen Typen handelt, der locker als Fahrer in Filmen an der Seite von Eddi Murphy hätte mitspielen können. Locker und lustig wie er ist, mir gleich sympathisch würde er die Monate bei mir stets eine Tasse Kaffee bestellen mit den Worten: “ Na Chef alles klar. Hol` mir mal ne Tasse. Ich mein ich würde mir die ja selber holen, aber ich darf ja leider nicht in die Küche. Ich bin ja kein Mitarbeiter. Mach mal klar. Die meisten kennen mich schon.“, währenddessen mein Kollege einvernehmlich nickt und ebenso freudig begrüßt und Handschläge verteilt. Das Taxi gerufen ziehen wir uns ins Backoffice zurück um die Umsatzlisten des Tages zu drucken. Mehmet lässt derweil die Gäste in der Lobby stehen. Kunden am späten Abend haben für ihn weniger Priorität als einen Blick in die Bildzeitung, einen Keks und einen heißen Schluck Kaffee. „Can we drive now?“ hakt Zimmernummer Zweihundertdreiundzwanzig nach als Mehmet antwortet: „I Boss you waiting, till Driver is ready to go.“ Er blättert um, lässt sie stehen wie sie Gorbatschow auf dem Tresen als Mehmet ihnen Handzeichen gibt losfahren zu wollen. Eine halbe Stunde später kommen sie mit zwei Damen zurück, deren auffallender Burlesque Stil uns durchaus aus dem Backoffice lockten, um sicher zu gehen, dass die Türen auch wirklich verriegelt seien. Nach zwei weiteren Stunden taucht ein weißer Mercedes SLK mit dunklen vertönten Scheiben auf. Im selben Moment huschen die Damen durch die Tür, als der Ausgangsmeachanishmus die Tür entriegelt und die dunkle Gestalt vom Fahrersitz den Moment ergreift und auf uns zukommt. Wir bleiben angewurzelt stehen. Schwarze lange dunkle Locken hängen in seinem fettigen Gesicht. Er legt uns dreihundert Euro auf die Marmorplatte mit den Worten: „Das ist für euch!“ Wir verstehen nicht, schauen ihn an, als er uns mitteilt, dass wir es als Trinkgeld behalten dürfen.  Dann verschwand er wieder. Gorbatschow, so verschlossen wie er war, hatte bereits seinen Weg ins Backoffice gefunden. Wie stießen mit einem genehmigten Pinnchen an, als wie beschlossen von jetzt an zu versuchen Mehmet zu überreden die Gäste öfters zum selben Etablissment zu fahren!“ Und das taten wir mit Erfolg. Wir rechneten anhand der Forecasts die Anzahl der potentiellen Gäste aus die alleine kamen und die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Vermittlung bis die Hotelleitung dahinter kam und die Anweisung gab bei ähnlichen Anfragen höflichst auf die gelben Seiten zu verweisen. Wir seien schließlich kein Etablissement des Rotlichtmilieus. Mich hingegen ließ so manch rötliches flackerndes Hotelfenster jedoch zweifeln.

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