Eine Begrifflichkeit

Als ich meine Ausbildung in einem Vier Sterne Hotel anfing wurde an der Informationssäule ein Pfeil mit dem Hinweis auf ein Business Center angebracht. Manchmal fiel er herunter und lag auf dem Boden. So wurde ich des öfteren von der Rezeption fort geschickt. Ich nahm ihn wieder auf und steckte ihn zwischen die schwarzen feinen Gummirillen der Wand.

Unter einem Business Center habe ich mir in einem Hotel immer etwas großes vorgestellt. Etwas, dass wie der Name bereits sagt im Zentrum des Hotels aufzufinden sein muss. Als Gast denke ich an einen größeren Raum, ein Herzstück, dass der Gastgeber erfunden hat, um Geschäftsreisenden einen Platz zu bieten an dem es sich hervorragend arbeiten lässt; vielleicht sogar mit einem Blick  auf die Parkanlage. Ich denke an einen konkreten Platz, der sich zum Stadtgarten hin befinden muss. Dort wo das Wasser fröhlich aus den Fontänen des Brunnens in die Höhe spritzt und die Tropfen wie Fallschirmspringer am Blau des Firmaments in den Dunst der aufplatschenden heruntersegeln. Ich denke an einen Platz, dessen gehobener dunkelbrauner massiver Schreibtisch so viel Fläche bietet, dass sich Touchmonitore wie farbige Mosaiksteinchen in dunklen Gebilden verlieren müssen. Links davon liegt Papier bereit. Rechts davon ein schwer in der Hand liegender dennoch griffiger Kugelschreiber. Über eine Fernbedienung, die akkurat am Seitenrand liegt lassen sich Rollos und Rolladen steuern, die Leinwand herunterfahren oder Oberlichter auf Kipp stellen, vielleicht sogar auch den Beamer anstellen? Es gibt einen gefüllten Kühlschrank, eingelassen in der Schrankwand, der über schwebende Schiebetüren verfügt. Darin ist sogar ein Drucker, dessen ratternden Geräusche bei einem Druckauftrag hinter den Türen verhallen, um dessen Bediener in ihrem Workflow nicht zu stören. Ein samtweicher Teppich bringt hohe Absätze zum Schweigen. Es ist ein Raum der Entspannung und Arbeit vereint. Nicht zu vergessen ist der dezente Schreibtischstuhl. Ein italienischer Freischwinger mit Lehne oder doch der klassische Bürostuhl? An der Wand hängen keine Bilder. Der Blick soll sich in der einheitlichen Farbwand verlieren dürfen und die Fantasie darin gleich mit. Oft entstehen die Tiefen wie Formen der Ideen im befreiten Nichts. Wenn Sie auf der Suche nach einer Lösung sind, dann starren Sie ins Nichts. Ja, lieber Leser Sie sind gemeint. Es ist die unbefleckte Wand ohne Muster und Ablenkung. In der  Schrankwand hinter Ihnen befinden sich Teller, Obst und der ganze „Klim Bim“ – so möchte ich es bezeichnen dürfen, den moderne Menschen von heute zum Arbeiten benötigen. Auch der Flaschenöffner – versprochen – „Wobei ich zugeben muss, dass ich zum Schreiben noch nie einen verwendet habe?“ Ein erkennbarer Unterschied zwischen denen die Arbeiten und die, die so tun? Eins darf jedoch niemals fehlen in einem Business Center; es ist die Kaffeemaschine in der Schrankwand. Eine nicht zu verachtende Notwendigkeit, um bei Großprojekten über die Nacht, nicht der dunklen Seite zum Opfer fallen zu dürfen, dass eine verheerende Auswirkung auf die Bilanz oder nächste css Programmierung haben könnte. Oft sitzen in Business Centern bestimmt Menschen hohen Ranges wie Anwälte die Paragraphen pauken, namhafte Schauspieler zum Lernen eines Textes oder Komponisten, die über ihre Notenblätter grübeln. Besonnen und aufrichtig wie sie sind bedanken sie sich mit einem Lächeln, wenn man ihre Wünsche erfüllt. So weit zumindest meine Vorstellungen. Manche Begriffe der Hotellerie gleichen jedoch einem Dilettantismus, dass keine Superlative mehr kennt. So möchte ich ein Beispiel als Angestellter der Fachwelt einbringen. Der Begriff „Mis en Place“ bedeutet nicht viel mehr als die einfachsten Vorbereitungen zu treffen. Nicht viel mehr als Teller am Buffet aufzufüllen, das Besteck bzw. sich auf seine Station vorzubereiten. Köche bereiten dagegen ihre Posten vor. Nicht das wir uns falsch verstehen. Vorbereitungen, etwas testen oder vorerst zu kosten sind der Garant des eigenen Erfolgs. Nur klingt der französische Fachausdruck zu nobel, nein nach einem Wort, dass mir zu sanft klingt. So sanft und zuckerweich wie die Hotellerie seit langem nicht mehr ist aber hoffentlich bald wieder sein wird. Es mag bitter klingen aber die Fachlichkeit hat ihren handwerklichen Sinn verloren. Begriffe wie „Mis en Place“ haben die Note eines Weißweins im Klang dessen Ton sich in Vergangenheit einer Pepsi angenähert hat. Zurück zum Business Center in Hotels. Es ist einzig und allein die Schrankwand meiner voran beschriebenen Vorstellung mit weniger „Klim Bim“ bestehend aus einem Röhrenmonitor, einem Tower dessen Kühlergebläse die sorgfältig sortierten Geschäftsberichte vom Tisch fegen und dessen Drucker sich über frisierte Bilanzen Är Berlins auskotzt oder waren es die Mails von Middlehofff? Wenn es denn einen Eigens dafür hergerichteten Raum gibt, dann meistens ohne Fenster. Ich kann verstehen, dass Dinge die kostenfrei genutzt werden können nicht unbedingt den höchsten Komfort aufweisen müssen, aber zumindest sollten sie danach benannt werden was sie sind. Nicht mehr als eine PC Station. Denn manchmal schafft Ehrlichkeit und weniger sein einen höheren Mehrwert. Ein einziges Business Center bereitzustellen bei Veranstaltungsräumen mit einer Aufnahmekapazität von sechshundert Personen, in dem sich zehn Japaner, Inder, Koreaner oder Chinesen aufeinander, nebeneinander oder untereinander stapeln lässt mich manchmal grübeln nicht Amnesty International einzuschalten. Nicht selten kommt die „Kartoffel“ (ein Deutscher) an die Rezeption: „Entschuldigen Sie bitte. Könnten Sie bitte die Spracheinstellung im Business Center für mich ändern?“. Ich zweifle für einen Moment. „Wie hat der Chinese das vorhin geschafft?“ – Stimmt der hat geklickt und nachgedacht. Windows in chinesischer Schrift: Man stelle sich ein Quadrat vor, dass eine schiefe Sieben enthält, darüber ein schlecht skizziertes Smiley Gesicht mit einer Mütze. Daneben ein Quadrat. Zwei Klicks später habe ich mich bewusst verklickt; bitte um etwas Geduld und lasse die inzwischen länger gewordene Schlange davor etwas zappeln. Ob jemand merkt, dass ich gerade dabei bin einen Artikel von Zeit Online zu lesen. Ich luchse durch das Türfenster. Einem Geschäftsmann in der Mitte läuft der Schweiß von der Stirn. Er muss vermutlich eine Präsentation für seine Tagung drucken, die gleich im großen Saal beginnt. Ich reibe die Hände und teste die Intelligenz unserer Gäste. Kaum das Business Center verlassen sollte es nicht lange dauern bis meine Wenigkeit wieder helfen müssen würde. Kurzerhand stecke ich den Netzstecker ein und verlasse unter skeptsichen Blickes meines Gegenübers den Raum mit den Worten: „Aus Sicherheitsgründen“. Ich lache innerlich.

Die Situation ist nun gute fünf Jahre her und das Business Center hat längst seine Relevanz zum Großteil verloren. Der kostenfreie Support ersetzt durch Smartphones und Tablets. Was sonst. Dennoch bin ich heute erst Recht der Überzeugung, dass eine kleine Weinstube mit Käseverkostung in der Lobby einem eleganten Hotel besser stünde.

 

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