Am Marktplatz

Neben mir steht mein Früchtetee in einer weißen Porzellantasse. Wobei Tasse nicht ganz richtig ist. Es ist ein Schälchen. Sein Dunst zieht Kreise im spielenden Licht. Ich lausche den Gesprächen Jüngerer, die über ihre Zukunft fabulieren. Während die eine das Grundschulamt anstrebt, zieht es ihr Gegenüber nach Israel. Ihren Worten nach möchte Sie den Krieg mit eigenen Augen sehen. Es scheint mir obsolet soweit zu reisen. Eine Fahrt zum Flüchtlingslager reicht aus und man erhält Informationen von Gesicht zu Gesicht, wie es ist im Nichts. Ein Mensch braucht die Sprache eines anderen nicht zu sprechen. Ein Blick in die Augen reichen aus, um einander zu verstehen. Gerne hätte ich geschrieben ein Spaziergang reiche aus, doch habe ich das Gefühl, dass Integration in Deutschland nur mit Abstand funktioniert.  Treu dem Motto „Integration ja, aber nicht zu nah.“

Mein Blick schweift auf das Teeschälchen. Er schmeckt natürlich. Nicht zu süß und nicht zu bitter. Eben einfach nur ein Früchtetee der meine Seele wärmt. Links von mir eine Gruppe vermutlich japanischer Touristen. Genau sagen kann ich es nicht. Getraut zu fragen habe ich mich mal wieder nicht. Als Kind ist man an der Stelle anders. Man fragt einfach ob er oder sie mit einem spielt. Warum tue ich es nicht mehr? Gesellschaftliche Konventionen? Unbegründete Ängste vor der höflichen Zurückweisung? Über soziale Netzwerke verbinden wir uns quer um die Welt und haben fünfhundert Freunde bis Alaska, doch haben wir sie auch in der Realität? Oftmals eben nicht. Es sind meist nur wenige Freunde und meist die, die wir bereits aus Schul- oder Studienzeiten kennen. Zugegeben ich hingegen bin da etwas einsam veranlagt. Doch die Abwechslung mit Gästen im Hotel lässt mich jede Nation kennen lernen und zu tun habe ich angesichts meines schreibenden Drangs genug. Ich habe Angst, dass mit Hilfe der sozialen Netzwerke der Mensch in eine Art  digitalen Solipsismus verfällt, statt sich wirklich miteinander zu verbinden. Vielleicht sehe ich das auch völlig falsch, weil ich mich zu wenig mit ihnen beschäftige. Doch treibt es mich zugleich nicht an, alles um mich herum zu fotografieren und eine Insta Story zu starten, es treibt mich wenig dazu an, ein par Worte zu twittern, es zudem meines gelegentlichen inneren Mitteilungsbedürfnisses ohnehin nicht ausreichen würde und stets auf der Suche nach Inhalten bin bevor ich etwas verbreite. Und facebook bereits so bekannt, dass es so mainstream geworden ist, dass man darüber zu scherzen beginnt. Leute was ist los mit mir? Bin ich ein Verweigerer der Digital Native Generation? Mein Verstand beruhigt mich wieder und meint, dass es mehr Sinn mache, wenn man eine neue allgemein gültige Aussage trifft, mit der sich Menschen identifizieren können. Oder man pflegt Freundschaften in weit entfernten Städten und anderen Ländern.

Das Kaffee in dem ich gerade sitze, liegt genau gegenüber dem Düsseldorfer Rathaus. Urbane Gemütlichkeit gemischt mit einem Hauch eines Gefühls, dass an späte Sommernachmittage im Urlaub erinnert. Selbst einsame Seelen finden hier ihren Platz. Der dunkle Holzfußboden knackt im Rhythmus der Schritte. Eine Brise frischer Wind durch die bereits geöffneten Fenster vernebelt den intensiven Duft des Kaffees. Im Hintergrund Rap Musik, Lounge Atmosphäre trotz harter Holzhocker und Stühle, die selbst an Klassenräume vor meiner Zeit erinnern. Fotos von Orten, wo einst der getrunkene Kaffee meiner Sitznachbarn angebaut und geerntet wurde. Eine afrikanische Maske im haselnussbraunen Farbton ziert die Wand. Ich schaue raus auf den Rathausplatz in dessen Mitte von einem dunkelgrauen Zaun, dessen Zacken gold verzinkt ein Denkmal schützt. Die Sonne verschwindet, die rot verziert verschnörkelten Laternen leuchten allmählich auf. Sorgen verlieren ihre Bedeutung und Gedanken verschwinden.

Ich nehme meinen letzten Schluck, bevor mich der abendliche Nebeldunst des Rheins verschluckt.

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